Kommentar

 

DIE NEUEN SILBERPFEILE: EINE NATIONALE PFLICHTAUFGABE

 

Klare Sache: Ich hatte den W196 neben dem Kinderbettchen stehen, als Weissblechmodell mit Stromlinien-Form und mit 3,75 D-Mark zu jener Zeit recht teuer. Die Silberpfeile der zweiten Generation waren zehn Jahre nach Kriegsende und totalem Zusammenbruch eine nationale Herzensangelegenheit. Adenauer regierte und schuf politische Stabilität, Erhard mit der dicken Zigarre sorgte für Wirtschaftswunder und Wohlstand für alle. Es herrschte Demokratie in Deutschland, aber auch Ordnung, Fleiss und Disziplin. Die Anarchie der 68er wagte man nicht einmal zu denken. Das Automobil war nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Statussymbol des sozialen Aufstiegs und ausserdem das wichtigste Wirtschaftsgut einer jungen aufstrebenden Nation, das mit Gewalt vom Joch des Nationalsozialismus befreit hatte werden müssen. Es war die vielleicht beste Zeit in der deutschen Geschichte.

Schon vor dem Krieg, die Grossmutter hatte es immer und immer wieder erzählt, waren die Silberpfeil-Piloten der ersten Generation absolute Volkshelden gewesen. Caracciola, von Brauchitsch, Lang und Seaman, der gegen dem Willen seiner Eltern eine Deutsche geheiratet hatte, holten hundertausende an den  Nürburgring und  auf die AVUS und Millionen vor die Radiogeräte. Für ihre Konkurrenten von der Auto Union galt dies genauso. Natürlich benutzten die Nazis den Automobilrennsport wie viele andere Sportarten auch für Propagandazwecke ihres verbrecherischen Regimes. An den grossartigen Leistungen von Fahrern und Technikern in dieser einzigartigen Epoche des Motorsport ändert dies jedoch nichts.

In der aktuellen Weltwirtschaftskrise hat die Daimler AG ausserordentlichen Mut bewiesen, in dem sie, entgegen dem Trend, das Brawn Team erwarb und Mercedes GP gründete. Es war, wie schon zu Neubauers  Zeiten, in den fünfziger Jahren,  das absolut richtige Signal.

In Italien ist Ferrari eine nationale Leidenschaft. Für Deutschland sollte Mercedes GP zumindest eine nationale Pflichtaufgabe sein. Besser natürlich mehr. Deutschland hat, aufgrund der bösen Erfahrungen in der Nazi-Zeit und  daher nicht immer zu Unrecht,  Defizite in den Bereichen Patriotismus und Nationalstolz. Da können positive, faire Leitbilder helfen, diese Defizite abzubauen. Noch ist Michael Schumacher kein Rudolf Caracciola und Norbert Haug kein Alfred Neubauer. Aber es liegt an uns, ihnen die Chance dazu zu geben, es zu werden. Machen wir es einfach den Eltern und Grosseltern nach. Die wussten, was sie taten, als sie das Mercedes Grand Prix  Team vorbehaltlos unterstützten, auch wenn das erste eigene Auto noch weit entfernt war. Der Stern strahlt wieder und Silber ist so schön. Danke Dr. Zetsche. Danke Daimler.

Klaus Ewald
25/01/2010
04:00 CET

 

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